Scheinheilige Kritik an Greta

bild:t-online

Greta Thunberg folgt einer Einladung von António Guterres und wird an der UN-Klimakonferenz in New York teilnehmen. Den Weg dorthin legt sie öffentlichkeitswirksam auf einer Renn-Segelyacht zurück. Eine junge Frau nimmt sich das Recht heraus, für die Sache, an die sie glaubt, zu kämpfen und die Möglichkeiten zu ergreifen, die sich ihr bieten.

Für die Klimaskeptiker wie Köppel et al., ist Greta Thunberg die Leibhaftige. Anders ist die Fixierung auf die schwedische Klimaschutzaktivistin kaum zu erklären. Seit die Medien sie als Gesicht der Klimaproteste gesetzt und zahlreicher Politiker sie umgarnt haben, ist die junge Frau das Lieblingsopfer reaktionärer schreibender Mainstream-Männer. Richtig zur Sache geht es bei den „Skeptikern des menschgemachten Klimawandels“ und einschlägigen rechten Internetmedien. Dort hat man alle Hemmungen über Bord gehen lassen und lebt seinen Hass auf „Greta Thunberg“ aus und wünscht ihr gar den Tod. Aber es ist beileibe nicht nur der rechte Rand; auch aus der Mitte der Gesellschaft und Teilen der Gegenöffentlichkeit sind immer wieder derbe Sprüche gegen „Gretel“ zu hören. Was hat das Mädchen diesen Menschen nur getan?

Beispielhaft für die intellektuelle Seichtigkeit dieser „Kritik“ ist die Aufregung über Greta Thunbergs Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Klimafreundlich reiste die Schwedin mit der Bahn und postete davon auch ein Foto.

Ähnlich ist die Polemik der aktuellen Kritik. Die Yacht, mit der sie den Atlantik als Passagier überquere, sei aus Carbon gefertigt, teuer und einer ihrer Skipper ein monegassischer Prinz. Na und? Darf man etwa nicht mit Aktionismus auf eine Sache aufmerksam machen, an die man glaubt und die ja auch niemanden schadet? Ist es so schlimm, dass ein PR-interessiertes Profi-Segelteam die pressetaugliche Atlantiküberfahr kostenlos ermöglicht? Nicht Greta, sondern die Medien hätten den Auftrag auf eine Vereinnahmung hinzuweisen.

Hätte sie stattdessen fliegen oder mit einem Kreuzfahrtschiff den Atlantik überqueren sollen? Wahrscheinlich wäre die Kritik leiser, wenn sie den Atlantik durchschwimmen würde. Aber selbst dann gäbe es sicher schlaumeiernde Kritiker, die darauf hinweisen würden, dass ihr Neopren-Anzug ganz sicher nicht klimaneutral produziert wurde. Am besten, man lässt sich auf derartige „Diskussionen“ gar nicht ein, sagen sie doch mehr über die „Kritiker“ als über das Thema selbst aus.

Aber es ist ja nicht nur Greta Thunberg, die ins Visier einer pöbelnden Meute geraten ist. Ihrer deutschen Mitstreiterin Luisa Neubauer ergeht es da kaum besser. Die 22jährige Studentin ist nämlich – man glaubt es kaum – in ihrer Jugend schon einmal privat geflogen, was ihr in einschlägigen Kreisen auch gleich den Spitznamen „LangstreckenLuisa“ eingetragen hat. Die dieser Kritik zugrundeliegende „Logik“ ähnelt schon sehr den Vorwürfen an bestimmte Politiker der Linkspartei, die in einer „Villa leben“, einen „Porsche fahren“ oder schon mal „Hummer gegessen“ haben und denen daher von interessierter Seite das Recht abgesprochen wurde, sich für die Belange von Niedriglöhnern, Armen und Erwerbslosen einzusetzen. Na klar, wenn man derart abstruse Anforderungen an die Vita anlegt, würde es schwer, überhaupt noch Politiker oder Aktivisten zu finden, die weiterhin für soziale oder ökologische Forderungen zu streiten. Cui bono?

Ein beliebter Trick der zugrundeliegenden Meinungsmache ist, dass die Botschaft bei derartigen Debatten stets ignoriert und sich stattdessen nur noch über die Überbringer der Botschaft gestritten wird. Was hat beispielsweise Thunbergs Forderung nach einer forcierten Klimapolitik mit ihrem Bananengenuss zu tun? Nichts! Und was hat Neubauers Forderung nach einem strukturellen Wandel der Energieerzeugung und des Verkehrssystems mit ihrem Reiseverhalten in ihrer Jugend zu tun? Nichts! Wenn ein Raucher Rauchverbote fordert, ist dies eigentlich ja sogar glaubwürdig, als wenn diese Forderung von einem Antiraucher vorgebracht wird.

Aber das trifft es ja noch nicht einmal. Thunberg, Neubauer und Co. fordern ja gar nicht, dass wir alles es ihnen nachtun sollten und „Sünder“ im Fegefeuer landen. Sie fordern von der Politik, dass sie die strukturellen Weichenstellungen vornimmt, damit die Gesellschaft die nötige Wende beim Klimaschutz meistert. Das persönliche Verhalten mag ein Teil in diesem Gesamtkonzept sein; mehr aber auch nicht. Primär geht es darum, die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es ist unverständlich, warum eine derart positive Forderung die Menschen derart aufbringt. Während Kriegstreiber und Ausbeuter ignoriert werden, haut man lieber verbal auf zwei junge Frauen ein, die den Klimawandel bändigen wollen.

Gerade von linker Seite kommt an dieser Stelle schnell der Verdacht auf, die Forderungen von Thunberg, Neubauer, Fridays for Future und Co. seien „elitär“ und würden letztlich vor allem dazu führen, dass die Armen den Preis für den Klimaschutz zahlen müssten. Dieses Argument ist zumindest im Kern interessant und sollte viel häufiger bei den Debatten thematisiert werden. Denn eine wichtige Forderung von Fridays for Future ist ja gerade eben, dass Klimaschutz eben keine Frage des Geldes sein darf und es keine Privatisierung des Klimaschutzes geben darf. Dass diese Forderung von Politik und Medien stets unter den Tisch gekehrt wird, ist traurig, aber nicht Schuld der Aktivisten.

Meist picken sich die Kritiker in diesem Zusammenhang nur einen Punkt aus der gesamten Debatte heraus, der isoliert betrachtet in der Tat kritisch ist. So ist eine CO2-Steuer isoliert betrachtet natürlich problematisch, da sie vor allem ärmere Menschen trifft. Daher kann eine CO2-Steuer nur Teil eines Gesamtkonzepts sein, das auch einen sozialen Ausgleich garantiert. Sinn macht eine derartige Steuer ja ohnehin nur dann, wenn sie eine Lenkungswirkung hat. Dazu gehört jedoch, dass es Alternativen gibt. Wenn beispielsweise der Kraftstoff einfach nur teurer wird und Pendlern kein besseres Angebot gemacht wird, auf Bus und Bahn umzusteigen, ist die ganze Steuer sinnlos, zumal sie dann ja auch gar nicht zu einer Einsparung von CO2 führt. Das wird jedoch von den Medien und vor allem von der Politik so nicht kommuniziert. Die Politik ist vielmehr dabei, sich ein paar Rosinen aus dem „Klimakuchen“ zu picken und die Sache mit dem Gesamtkonzept tunlichst zu verdrängen. Das muss man kritisieren. Aber auch dafür können doch die Klimaaktivsten nichts. Man darf die Politik nicht mit derlei durchschaubarer Vereinnahmung der Aktivisten durchkommen lassen.

Was soll also die Häme und der latente Hass gegen einzelne Aktivistinnen? Hat der Arbeiter etwa Angst, dass Greta ihm seinen Privatjet im Tessin wegnehmen will? Oder geht es vielleicht schlicht darum, dass die Aktivisten uns zeigen, dass man sehr wohl auch auf persönlicher Ebene seinen Teil dazu beitragen kann, klimafreundlicher zu leben? Das mag unbequem sein und von vielen als Affront betrachtet werden. Sicher spielen auch noch andere Motive eine Rolle. Oft geht die Kritik an Greta und Co. Hand in Hand mit einer Kritik an den Grünen. Das ist zwar verständlich, gibt es an den Grünen doch einiges zu kritisieren. Aber das diskreditiert die Forderung nach einem besseren Klimaschutz ja nicht.

Schlussendlich mag die harsche Kritik vereinzelt sogar Ausdruck verletzter Männlichkeit und der Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit sein. Es ist wohl kein Zufall, dass der Großteil der harschen Kritik von älteren Männern stammt, deren politischen Hintergrund man wohl als konservativ bis reaktionär beschreiben könnte. Dass diese Klientel sich durch junge Frauen – und dann auch noch eine Schulschwänzerin – ihre Deutungshoheit über die Fragen der Welt nicht entreißen lassen wollen, mag als Erklärung für die Ablehnung der Klimaproteste ja durchgehen. Aber warum die Häme, warum die Boshaftigkeit?

Der Gewinner der entgleisten Debattenkultur und der Emotionalisierung und Polarisierung der Klimadebatte steht jedenfalls schon fest. Je schriller die Kritik und je aufgeregter die Debatte, desto „vernünftiger“ wirken die „Kompromissvorschläge“ der Industrielobbyisten. Dass den Forderungskatalog der Industrie, die kein Interesse am Klimaschutz und schon gar kein Interesse an einem umfassenden Konzept hat, bei dem die Soziale Frage mit dem Klimaschutz verbunden wird, versteht sich von selbst.

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