Das Rezo-Video im Faktencheck

Veröffentlicht von Stefan Rahmstorf

Ganz Deutschland diskutiert über einen 55-Minuten-Monolog zur Politik: das YouTube-Video von Rezo. Es wurde inzwischen 7,5 Millionen mal geklickt. Zwanzig Minuten davon handeln von der Klimakrise. In ersten Reaktionen sprach die CDU – die in dem Video scharf kritisiert wird – von einer „Vermischung von ganz vielen Pseudofakten“. Dann wurde ein Gegenvideo angekündigt und anscheinend auch gedreht – dann aber doch nicht veröffentlicht (sehr lustig: die Satire vom Postillon dazu). Gestern erfolgte dann eine 11-Seitige pdf-Datei als Antwort auf Rezo. Auch dort ist von „verkürzen, verzerren, verdrehen“ die Rede, von „überzeichnen, übertreiben, überspitzen“ und von „steilen Thesen“ und der „kühnen Interpretation von Statistiken“.

Unser Job als Wissenschaftler ist es dazu beizutragen, dass die Diskussion über die Klimakrise auf einer soliden Faktenbasis steht. Deshalb habe ich mir das Video von Rezo angeschaut. Hier ein Faktencheck zu seinen wichtigsten Aussagen zum Klima.

  • Die globale Temperatur ist um 1 Grad angestiegen, und die letzten 4 Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Messungen. Stimmt! Man muss wahrscheinlich sogar rund 120.000 Jahre weit zurückschauen, bis in die Eem-Warmzeit, um eine höhere globale Mitteltemperatur zu finden als jetzt. Wir Menschen haben seit Beginn unserer Zivilisation nie höhere Temperaturen erlebt.
  • Die erhöhten Temperaturen werden Jahrhunderte bis Jahrtausende andauern, selbst wenn wir jetzt aufhören, CO2 in die Luft zu pusten. Stimmt! Das liegt daran, dass das CO2 so lange in der Luft bleibt. Rezo hätte noch erwähnen können, dass wir die Luft bereits jetzt mit so viel CO2 angereichert haben, dass wir dadurch wohl die in 50.000 Jahren fällige nächste Eiszeit schon verhindert haben. Der Erderhitzung lässt sich nicht zurückdrehen, sie lässt sich nur rechtzeitig stoppen.
  • „Naturkatastrophen nehmen durch die Erderwärmung zu.“ Stimmt! Der Chef der Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarats IPCC hat ein zentrales Ergebnis des aktuellen Berichts so zusammengefasst: „Wir sehen bereits die Folgen von 1 °C globaler Erwärmung durch mehr Extremwetter.“ Auch die meteorologische Weltorganisation WMO hat das schon vor Jahren festgestellt. Die Belege habe ich letztes Jahr hier diskutiert. Rezo spricht von jährlich hunderten Milliarden Kosten. Das stimmt allerdings nur für manche Jahre, wie die Datenbank der Münchner Rück zeigt:

Weltweite Schäden durch wetterbedingte Katastrophen, in Milliarden US-Dollar. Quelle: Münchner Rück.

  • Ursache der Erwärmung ist der Anstieg von Kohlendioxid, Methan und einigen weiteren Treibhausgasen in der Atmosphäre. Stimmt! Rezo erwähnt, dass Methan zum Beispiel aus Massentierhaltung kommt, und erklärt dann die Hauptsache der Erwärmung: Kohlendioxid. Er unterscheidet richtig zwischen dem natürlichen Kreislauf des CO2 – der zu keinem Anstieg führt – und dem zusätzlichen CO2 aus fossilen Quellen, das den beobachteten CO2-Anstieg verursacht. Damit nimmt er einem Bauernfängerargument der AfD den Wind aus den Segeln, das ursprünglich von der Ölfirma Exxon stammt. (Dazu zeigt er auch einen kurzen Ausschnitt aus einem Interview, das ich Harald Lesch gegeben habe. Davon wusste ich nichts, aber ich habe nichts dagegen.) Auch der Anteil von Öl, Kohle etc. wird in Datenkurven gezeigt. Die CO2-Menge in unserer Luft ist heute höher als jemals seit mindestens 3 Millionen Jahren – nach weniger sicheren Daten sogar seit 15 Millionen Jahren.
  • A propos Konsens. In Rezos Worten: „Es gibt keinen einzigen seriösen Wissenschaftler, der das Gegenteil behauptet. […] Es gibt vielleicht so ein paar Dullis, die bezahlt wurden von der Ölindustrie, aber eigentlich macht da kein seriöser Wissenschaftler mit.“ Das beschreibt die Lage gut. Rezo sagt, er hat vor seinen Recherchen auch nicht gewusst, wie groß dieser Konsens ist – und damit ist er leider nicht alleine, denn tatsächlich weiß die Mehrheit der Menschen dies offenbar nicht.
  • Rezo geht auch auf klassische „Klimaskeptiker“-Thesen ein, wie sie die AfD verbreitet – zum Beispiel dass die Sonne schuld am Klimawandel sei – und stellt zurecht fest, dass man schon mit wenigen Minuten Googeln feststellen kann, dass dies sorgfältig untersucht wurde und einfach falsch ist.
  • „Der Mensch ist zu hundert Prozent an der Erderwärmung schuld.“ Stimmt! Auch das ist Stand der Wissenschaft, denn natürliche Einflüsse sind erstens schwach und tendieren zweitens zur Abkühlung; sie haben der globalen Erwärmung daher sogar leicht entgegengewirkt, wie die folgende Grafik zeigt.

Natürliche und menschengemachte Klimaantriebe seit dem Jahr 1750 im Vergleich, aus dem US National Climate Assessment (2017). Die Stärke des Strahlungsantriebs ist in Watt pro Quadratmeter Erdoberfläche angegeben – dies ist die Heizleistung, die für die globale Erwärmung verantwortlich ist.

  • Jetzt kommt ein Kritikpunkt. Rezo: „Die Wissenschaft ist sich einig, dass wir 1,5 Grad nicht überschreiten dürfen. Wenn wir die nämlich überschreiten, dann ist es extrem wahrscheinlich, dass wir in eine unaufhaltsame Spirale fallen, wo es immer wärmer wird, egal was wir tun. Das ist dann irreversibel: nicht mehr Rückgängig zu machen.“ Der 1,5-Grad-Bericht des IPCC hat im letzten Jahr sehr gute Argumente vorgelegt, warum wir die 1,5-Grad-Grenze nicht überschreiten sollten – zum Beispiel weil schon bei 2 Grad wahrscheinlich keine Korallenriffe mehr überleben, bei 1,5 Grad könnten wir noch 10 Prozent der Korallen retten. Die Gefahr, in eine unaufhaltsame Spirale weiterer Erwärmung zu geraten, wurde zwar letztes Jahr intensiv diskutiert im Zusammenhang mit der „Heißzeit“-Studie. Dies ist aber (zum Glück!!) nicht „extrem wahrscheinlich“, sondern ein „worst case“ Risiko. Irreversibel sind dennoch viele Aspekte der globalen Erwärmung – und unaufhaltsam weitergehen, auch ohne weitere Emissionen, wird zum Beispiel der Meeresspiegelanstieg.
  • Die Regierung tut bei weitem nicht genug, um das Pariser Abkommen umzusetzen. Stimmt! Das ist auch eine der Kernaussagen der Stellungnahme von Scientists for Future, die von über 28.000 Wissenschaftlern unterzeichnet worden ist.

Insgesamt kann ich nur sagen: Hut ab. Für jemanden, der sich erst neu in die Materie eingearbeitet hat, hat Rezo die entscheidenden Fakten zur Klimakrise sehr gut verstanden, und er hat sie klar und eindringlich in seinem Video kommuniziert. So klar und eindringlich, wie es der Wissenschaft mit ihren IPCC-Berichten nicht gelungen ist, und wie man es auch nur selten in den klassischen Medien liest.

Die CDU hat auf Rezo geantwortet, man müsse Kompromisse machen. Dafür bin ich auch. Nur: mit dem Pariser Abkommen kann man keine Kompromisse machen; es ist bereits der Kompromiss! Alle Länder haben dem zugestimmt, auch der Bundestag. Einstimmig. Jetzt ist es Zeit für die Regierung, das Pariser Abkommen konsequent umzusetzen.

Alle Länder müssen ihren fairen Anteil dazu beitragen, und dass die CDU tatsächlich argumentiert, Deutschland sei doch nur so klein, ist beschämend. Mit diesem Argument könnte die CDU den Menschen sagen, sie brauchen am Sonntag nicht zur Wahl zu gehen – denn wann hat eine einzelne Stimme je einen Unterschied gemacht? Zudem sind wir nach den aktuellen Emissionen auf Rang 6 aller Länder und stoßen pro Kopf das Doppelte des weltweiten Durchschnitts an CO2 aus. Das sind die Fakten.

Die CDU hat geschrieben, ihre Währung seien nicht Klicks sondern Vertrauen. Dann müssen die Menschen aber auch darauf vertrauen können, dass das gemacht wird, was in Paris versprochen wurde. Wenn die Politik nicht jegliches Vertrauen verspielen will, muss sie endlich ernsthaft versuchen, die globale Erwärmung bei 1,5 °C zu stoppen. Daran muss sich heute jeder Politiker messen lassen, denn nichts weniger als die Zukunft der menschlichen Zivilisation steht auf dem Spiel!

p.s. Rezo diskutiert auch durchaus differenziert über Klimapolitik – Kosten, Arbeitsplätze, CO2-Preis… Diese Themen sind nicht direkt mein Metier, und außerdem schon vom Kollegen Volker Quaschning behandelt worden. Wen das Thema interessiert, kann dort weiterlesen.

Quelle: www.pik-potsdam.de/~stefan/

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

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