Warten ist der schwierigste Teil

Wie kann man erklären, dass die Lämmer die ängstlichsten, furchtsamsten und am meisten gestressten Menschen unter den angeblich fortgeschrittenen Nationen sind? Leben die nicht in der weltgrössten demokratischen Utopie, in der Träume wahr werden?

Was ist, wenn uns diese Träume in Wirklichkeit verrückt machen? Was wäre, wenn wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in der die Fantasie die Realität so grotesk übermannt hat, dass die Bewältigung des täglichen Lebens fast unmöglich geworden ist. Was wäre, wenn eine durch Pixelbildschirme vermittelte Existenz eine virtuelle Welt überzeugender präsentiert als die reale Welt und sich als eine Art ansteckendes Ausweichverhalten erweist – bis die Realität so flüchtig ist, dass wir ihre Farben und Konturen ausserhalb der Bildschirme kaum noch erkennen können?

Man landet in einer virtuellen Welt aus Werbung und Agitprop (ein Kunstwort aus den Wörtern Agitation und Propaganda), in der die Manipulation der Hauptantrieb der menschlichen Aktivität ist. Das heisst, eine Welt, in der die Idee der persönlichen Freiheit (einschliesslich aller Handlungen des freien Denkens) zu einem philosophisch kranken Witz wird, egal ob man an die Möglichkeit des freien Willens glaubt oder nicht. Man bekommt ein Land voller College-Kinder, die darauf trainiert werden, zu denken, dass Zwang für andere der höchste und beste Zeitvertreib auf Erden ist – und dass es „Inklusion“ bedeutet. Man erhält eine Nachrichtenindustrie, die ihre eigene Realität erschafft und Narrative (d.h. konstruierte Psychodramen) ausarbeitet, um betäubte Geister zu erregen. Man bekommt eine Politik, die sich wie ein Deputy Dawg Cartoon abspielt. Man bekommt eine korporative Tyrannei aus Erpressung, die gebannte Bürger wie Schafe in Gattern zum scheren hütet, nicht nur um ihnen ihr Geld abzuzwicken, sondern auch ihre Autonomie, ihre Würde und schließlich ihren Lebenswillen.

Kann sich ein Volk von einem solchen Ausflug in die Unwirklichkeit erholen? Der Aufenthalt in den westlichen Demokratien in einem alternativen Universum des Geistes hat sich stark beschleunigt, nachdem die Wall Street 2008 das globale Finanzsystem fast zur Explosion gebracht hatte. Dieses Debakel war nur eine Manifestation einer Reihe von sich anhäufenden Bedrohungen für die postmoderne Ordnung, darunter die Lasten des Imperiums, die belastende globale Verschuldung, die übergrosse Bevölkerungszahl, der zerbrechende Globalismus, der Krieg gegen den Tewrror, die Sorge um Energie, disruptive Technologien, ökologische Verwüstung und das Gespenst des Klimawandels – Dinge, deren Gedanken Kopfschmerzen verursachen.

Das Gefühl der zunehmenden Krisen bleibt bestehen. Es ist systemisch und existentiell. Es stellt unsere Fähigkeit in Frage, in unserem Jahrhundert weiterhin ein „normales“ Leben zu führen, und all die Ängste, die das begleiten, sind für die Öffentlichkeit so schwer zu verarbeiten, dass eine erschreckende Zahl von Bürgern sich für Selbstmord entscheidet. Es gibt keinen einheitlichen Konsens über das, was geschieht, und keine einheitlichen Vorschläge, etwas dagegen zu unternehmen. Schlechte Ideen gedeihen auf diesem Nährboden aus ungelösten Krisen. In letzter Zeit dominieren sie die Szene auf allen Seiten.

Eine Art des Wunschdenkens, die einem primitiven Cargo-Kult ähnelt, hat die technokratische Klasse erfasst und wartet auf magische Rettungsgüter, um das Regime aus Happy Motoring, Konsumverhalten und Vororten zu verlängern.

(Anm.d.Ü.: Für Cargo-Kult siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Cargo-Kult )

Sie bilden den bröckelnden Panzer des „normalen“ Lebens in den westliche Demokratien. Die politische Rechte versucht, Amerika wieder gross zu machen, als ob sie zu einer Blütezeit der industriellen Massenproduktion von 1962 zurückkehren könnten, wenn wir es uns nur fest genug wünschen. Die Linke sucht das Äquivalent einer verlängerten Kindheit für alle, die in einem universell sicheren Raum gelebt wird, in dem alle Waren und Dienstleistungen auf magische Weise von einer freundlichen elterlichen Regierung kostenlos geliefert werden, und an sonnigen Tagen werden Einhörner trainiert, um Regenbogen zu finden.

Die ein Jahrzehnt andauernde „Erholung“ von der Grossen Finanzkrise 2008 bestand aus zehn Jahren Fake-it-til-you-make-it („Durch Schein zum Sein“) – ohne jede Aussicht, es tatsächlich zu etwas wie wirtschaftlicher und kultureller Stabilität zu bringen. Sind wir jetzt zu weit gegangen? Mit Sicherheit steht eine Art Schocktherapie bevor, und wahrscheinlich in Form einer gewalttätigen finanziellen Neuanpassung, die die Bedingungen für das Einnehmen und Ausgeben so drastisch verändern wird, dass sie die Matrix des Betrugs, die sich als das Geschäftsleben der Nation ausgibt, zu Fall bringen wird.

Dieser finanzielle Schock hat sich in dem Fantasialand aufgeschaukelt, zu dem sich das Bankwesen entwickelt hat, mit seinem neuen Nullzinssystem, in dem der vorgegaukelte Gedanke von Geld sich neue Wege sucht, um das Leben auf der Erde und damit das menschliche Projekt zu zerstören. Auf einer gewissen kognitiven Ebene spüren wir Menschen, was kommt, und das Warten darauf macht uns verrückt. Tom Petty hatte Recht: „The Waiting is the Hardest Part“ und es ist ein harter Weg zu lernen, dass ein virtuelles Leben kein adäquater Ersatz für ein authentisches Leben ist.

Quelle: https://kunstler.com/clusterfuck-nation/tom-petty-was-right/
übersetzt vom grossartigen Fritz the Cat

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