Schlafwandelnd in die Katastrophe

Jede Katastrophe bedroht auch die Natur. Der Kilimandscharo in Tansania nahe der Grenze zu Kenia. (Foto: Sergey Pesterev, Unsplash.com)
Der Kilimandscharo in Tansania nahe der Grenze zu Kenia. Foto Sergey Pesterev, Unsplash.com

Das Weltwirtschaftsforum ruft zu internationaler Kooperation auf. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) veröffentlichte den „Global Risks Report2019“ [1], demzufolge die Klima- und Umweltschädigungen die größten langfristigen Risiken unseres Zeitalters darstellen.

Vier der fünf Risiken mit dem größten Einfluss stehen 2019 im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Aber auch Cyberrisiken und steigende geopolitische Spannungen sowie wirtschaftliche Konfrontationen zwischen den Großmächten stellen erhebliche Risiken dar.

Es sind längst nicht mehr nur die Umweltschützer, die vor dem Klimawandel warnen – sogar die Wirtschaft als Hauptverursacher verlautbart nun einen Weckruf:

Die Bereitschaft der Welt, im Angesicht dringender schwerer Krisen zusammenzuarbeiten, sei auf einem Tiefpunkt angekommen, so das unbefriedigende Fazit von rund 1000 Experten und Entscheidungsträgern des World Economic Forum.

Im neuen Global Risks Report [2] warnen sie eindringlich: Gelingt es der Weltgemeinschaft nicht, internationale Spannungen abzubauen, wird die wachsende Zahl kollektiver Herausforderungen von der Umweltzerstörung bis hin zur vierten industriellen Revolution nicht zu bewältigen sein.

Als die wichtigsten globalen Probleme werden vor allem fünf Umweltrisiken genannt, die sowohl in der Kategorie der Risiken mit den größten Auswirkungen als auch der höchsten Wahrscheinlichkeit aufscheinen:

  • Verlust der Artenvielfalt,
  • extreme Wetterereignisse,
  • ein Scheitern bei Bekämpfung und Anpassung an den Klimawandel sowie den Klimazielen von Paris
  • und durch den Menschen verursachte Katastrophen und Naturkatastrophen.

Die Folgen von Klimawandel, Umwelt- und Luftverschmutzung werden immer deutlicher – betroffene Ökosysteme wie Ozeane und Wälder sind vielfältigen Stressfaktoren ausgesetzt, was auch ihre Fähigkeit einschränkt, Kohlenstoffemissionen zu absorbieren. Laut IPCC haben wir aber höchstens noch zwölf Jahre Zeit, um zu verhindern, dass die globalen Durchschnittstemperaturen über das Ziel des Pariser Abkommens von 1,5 Grad hinaus ansteigen. Ohne signifikante Emissionsminderungen bei CO2 und Treibhausgasen würden die globalen Temperaturen aber bis zum Ende des Jahrhunderts um 5-6 Grad ansteigen.

Eine Katastrophe ist das Artensterben

Besonders Besorgnis erregend ist das zunehmende Tempo des Verlusts an Biodiversität – die Artenvielfalt ist laut dem Living Planet Index seit 1970 um 60 % zurückgegangen. In der menschlichen Nahrungskette wirkt sich der Verlust an biologischer Vielfalt auf die Gesundheit und die sozioökonomische Entwicklung aus, was sich wiederum auf Wohlbefinden, Produktivität und sogar regionale Sicherheit auswirkt.

Die Risiken für Gesellschaft und Gesundheit verschärfen sich: Schon heute leiden bis zu 2 Milliarden Menschen unter Ernährungsmangel durch fehlenden Zugang zu Lebensmitteln von ausreichender Vielfalt und Qualität.

Erderwärmung und Extremwetter bedrohen aber auch die Kulturen von Reis, Weizen und Mais, welche für rund die Hälfte aller pflanzlichen Kalorien verantwortlich sind, die weltweit verzehrt werden. Bis 2050 könnte dies zu Zinkmangel bei 175 Millionen Menschen führen, zu Proteinmangel bei 122 Millionen und zu Eisenmangel bei einer Milliarde Menschen.

Auch die menschliche Seite globaler Risiken wird in dem Bericht hervorgehoben, beziehungsweise welche Rolle die derzeitigen komplexen Veränderungen weltweit spielen:

Auf der Ebene des Individuums ist das schwindende psychische und emotionale Wohlergehen innerhalb der globalen Risikolandschaft Ursache und Wirkung zugleich. Ein Gefühl des Kontrollverlusts angesichts von Unsicherheit und daraus resultierender psychischer Stress hat negative Folgen für den sozialen Zusammenhalt und die politische Zusammenarbeit.

Umweltrisiken würden darüber hinaus auch Probleme für die Infrastruktur stetig wachsender Städte verursachen. Bis 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Schätzungsweise 800 Millionen Menschen davon in Küstenstädten, die bis 2050 unter einem Anstieg des Meeresspiegels von rund einem halben Meter leiden werden. Durch die Zerstörung natürlicher Resilienzquellen wie etwa Küstenmangroven wird immer mehr Land unbewohnbar. Hier stehen enorme Kosten bevor, um Probleme wie sauberes Grundwasser bis hin zu Sturmbarrieren zu lösen. Wenn nicht ausreichend in kritische Infrastrukturbereiche investiert wird, kann es zu systemweiten Zusammenbrüchen kommen.

Risiken und Trends

„2018 war bedauerlicherweise ein Jahr, in dem wir historische Waldbrände, Überschwemmungen und Treibhausgasemissionen verzeichneten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Umweltrisiken ganz oben auf der Liste der größten Probleme stehen. Dasselbe gilt für die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns der Umweltpolitik oder der nicht rechtzeitigen Umsetzung politischer Maßnahmen. Eine effektive Reaktion auf den Klimawandel setzt eine signifikant höhere Investition in Infrastruktur voraus, um sich auf diese neuen Umweltbedingungen einzustellen und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu vollziehen“, sagt Alison Martin [3] von Zurich Insurance Group [4].

„Wir brauchen jetzt ein abgestimmtes und gemeinschaftliches Handeln, um das Wachstum zu erhalten und die erheblichen Bedrohungen zu bekämpfen, denen sich unsere Welt gegenübersieht“, so das Resümee von WEF-Präsident Børge Brende [5], der Politik und Unternehmen dringend empfiehlt, „eine wirksame Anpassungsstrategie für Klimawiderstandsfähigkeit zu erarbeiten und sie möglichst rasch umzusetzen“.

Die fünf größten Risiken nach Wahrscheinlichkeit

  • 1. Extreme Wetterereignisse (z. B. Überschwemmungen, Stürme usw.)
  • 2. Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen
  • 3. Große Naturkatastrophen
  • 4. Schwerwiegende Fälle von Datenbetrug/-diebstahl
  • 5. Groß angelegte Cyberangriffe

Die fünf größten Risiken nach Wirkung

  • 1. Massenvernichtungswaffen
  • 2. Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen
  • 3. Extreme Wetterereignisse (z. B. Überschwemmungen, Stürme usw.)
  • 4. Wasserknappheit
  • 5. Naturkatastrophen (Erdbeben, Tsunami, Vulkanausbruch, geomagnetische Stürme)

Die fünf wichtigsten Trends

  • 1. Klimawandel
  • 2. Steigende Cyberabhängigkeit
  • 3. Zunehmende Polarisierung der Gesellschaft
  • 4. Wachsende Unterschiede bei Einkommen und Wohlstand
  • 5. Zunehmende nationalistische Tendenzen

Quellen und Anmerkungen

[1] The Global Risks Report 2019: 114-seitiger Report als PDF verfügbar auf www3.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2019.pdf (abgerufen am 17.01.2019).

[2] Webseite des World Economic Forum mit Informationen zum Global Risks Report 2019: www.weforum.org/reports/the-global-risks-report-2019 (abgerufen am 17.01.2019).

[3] Alison Martin studierte an der University of Birmingham Rechtswissenschaften. 1995 schloss sie das Studium ab. Sie kam im Oktober 2017 als designierter Group Chief Risk Officer zu Zurich und gehört dort seitdem der Konzernleitung an. Im Januar 2018 übernahm sie die Funktion des Group Chief Risk Officer. Seit September 2018 ist sie Mitglied des Beirats des ETH Risk Center Advisory Board.

[4] Die Zurich Insurance Group (Sitz in Zürich) ist eine international tätige Schweizer Finanzdienstleistungsgesellschaft und die Muttergesellschaft der Zürich Versicherungs-Gesellschaft. Bis Ende März 2012 hieß sie Zurich Financial Services.

[5] Børge Brende ist ein Politiker aus Norwegen. Seit 2008 arbeitete er als Geschäftsführender Direktor des Genfer Weltwirtschaftsforums. Von 2013 bis 2017 war er Außenminister Norwegens und in dieser Funktion auch zuständig für die Entwicklungszusammenarbeit. Seit Herbst 2017 ist er Präsident des Weltwirtschaftsforums.

Der Artikel erschien zuerst in der Neuen Debatte

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