Rainer Mausfeld und der öffentliche Debattenraum

Rainer Mausfeld kommt, und der Saal ist voll. 500 Menschen im Münchener Theater Leo17, an einem Montag im Juni, bei bestem Biergartenwetter. Mausfeld hat zwei Fragezeichen mitgebracht: Meinungsvielfalt in Gefahr? Und: Wie werden öffentliche Debatten gesteuert und eingeschränkt?

Um das „Wie“ geht es Mausfeld in den nächsten anderthalb Stunden vor allem. Die Homogenität der Medien? Nicht der Rede wert. Eine Binsenweisheit, sozusagen amtlich bestätigt von Frank-Walter Steinmeier, der schon 2014 von einer „erstaunlichen Homogenität“ gesprochen habe und von einem erheblichen Konformitätsdruck in den Redaktionen. Lachen im Saal. Deshalb ist man hier. Deshalb hat man für das Ticket acht Euro an die ÖDP gespendet, die Mausfeld nach gut einem Jahr wieder nach München geholt hat (vgl. Meyen 2017). Mehr Werbung geht nicht.

Rainer Mausfeld ist ein Star in der Systemkritik-Szene. Wer das nicht glauben mag, lese das Buch „Über Verschwörungstheorien“ von Michael Butter (2018). Aus dem deutschsprachigen Raum findet man dort fünf Namen. Fünf Menschen, die ausgeschlossen werden sollen aus dem „öffentlichen Debattenraum“, wie Rainer Mausfeld das in der Leo17 gleich nennen wird. Daniele Ganser natürlich, ein Schweizer Historiker, der mit seinen Fragen zu 9/11 Säle füllt und Klickrekorde bricht, Ken Jebsen, der „einen eigenen Youtube-Kanal betreibt, über den er Verschwörungstheorien verbreitet“ (Butter 2018, S. 85), die Journalisten Gerhard Wisnewski und Mathias Bröckers, die ihre Vergangenheit in den „Mainstreammedien“ nutzen würden, „um diesen Zensur und Manipulation besonders glaubwürdig vorzuwerfen“ (ebd., S. 67), sowie – Rainer Mausfeld.

Bei Michael Butter kann man studieren, wie der Pranger im Moment funktioniert. Kämpfen um das bessere Argument? Das war gestern, vielleicht. Heute wird den Kritikern zuerst die Kompetenz abgesprochen. Ein Professor ist er ja, dieser Mausfeld, okay. Ein „Wahrnehmungspsychologe, der sich vor allem mit der Farbverarbeitung im Gehirn beschäftigt“. Mmh. Nicht ausgewiesen jedenfalls „auf den Gebieten, zu denen er sich in den letzten Jahren immer wieder medienwirksam geäußert hat“. Und wer es immer noch nicht verstanden hat: Dieser „Kieler Psychologieprofessor“ liefere eine „Medien- und Kapitalismuskritik“, die „stark populistische und mitunter verschwörungstheoretische Züge aufweist“ (Butter 2018, S. 62-63). Michael Butter sagt: lieber Biergarten als Leo17. Populismus! Verschwörungstheorie! Aufpassen!!! Schließlich sei es ein „wichtiges Charakteristikum von Verschwörungstheorien“, dass „diese falsch sind“. Immer (Butter 2018, S. 37). Über diesen Unsinn hat Paul Schreyer (2018) alles Nötige gesagt.

Zurück zu Rainer Mausfeld, zurück in das heiße Theater in Schwabing. Prawda, sagt er. Wahrheit. Die eine Wahrheit, auf die die Medien die politische Welt reduzieren, eine Wahrheit, die nahe dran sei an dem, was transatlantische Think Tanks vorkauen. Spiegel-Prawda, Zeit-Prawda, FAZ-Prawda. Nur eine Wahrheit und nichts als diese Wahrheit. Dass Mausfeld für Meinungsvielfalt plädiert, begründet er mit einer Vision der Demokratie und Ingeborg Maus. Die Anerkennung aller als Freie und Gleiche ungeachtet ihrer faktischen Differenzen. Eine egalitäre Vision, die den öffentlichen Debattenraum braucht, um den Frieden nach innen und nach außen zu sichern – als Ort, an dem Pluralität und Heterogenität in Einklang gebracht werden können, als „Herzstück“ oder „Maschinenraum“ der Demokratie, weil wir hier zu „argumentativen Anstrengungen“ gezwungen sind, um unsere subjektiven Interessen zu objektivieren. Meinungsvielfalt heißt für Mausfeld folgerichtig: alle relevanten Informationen unverkürzt und ein öffentlicher Debattenraum, der die Pluralität der Gesellschaft spiegelt und nicht durch ökonomische oder politische Interessen dominiert wird. Das entspricht den Definitionen, die man in der Kommunikationswissenschaft findet (vgl. Rager/Weber 1992, S. 8-11, vgl. Meyen 2009).

In seiner Kritik am Ist-Zustand geht Mausfeld dann weit über das hinaus, was diese akademische Disziplin empirisch zu bieten hat. Auf den Punkt gebracht: Der öffentliche Debattenraum ist seit den 1970er Jahren erheblich geschrumpft – mit fatalen Folgen für die Gesellschaft, da den Entscheidungsträgern nur das zur Verfügung stehe, was dort zugelassen sei. Meinungskontrolle durch Einschränkung des öffentlichen Debattenraums. Das Spektrum strikt begrenzen und in dem Rahmen, der übrigbleibt, eine sehr lebhafte Debatte zulassen.

Wer die Grenzen zieht? Rainer Mausfeld verweist auf die „Milliardenindustrie“ PR und auf das Propagandamodell von Hermann und Chomsky (1988), in dem das, was wir über die Welt erfahren können, fünf Filter durchläuft, die die Interessen der Mächtigen bedienen (Medienbesitz, Medienfinanzierung, Quellen, Störfeuer, Kontrastideologie – „wir“ und „die anderen“). Mausfeld blickt kurz in die Köpfe der Journalisten (die „Nähe zur Macht“ und die „Banalität des Opportunismus“) und sehr viel länger auf die „Weltgewaltordnung“, in der die USA auch die Narrative kontrollieren (bis in die sozialen Medien), die unsere Meinungen prägen. Und dann nimmt er sich die Intellektuellen vor – Menschen wie Michael Butter vermutlich, die die Begriffe setzen, mit denen Ideen aus dem öffentlichen Debattenraum ausgeschlossen werden können. Populist. Extremist. Fake News (vgl. Meyen 2018).

Was tun? Kompetenz, sagt Rainer Mausfeld in der Leo17. Auch Medienkompetenz, das schon, aber die Medien selbst würden diese Kompetenz blockieren, weil sie immer wieder behaupten würden, uns die Wahrheit zu erzählen und mit der Macht nichts zu tun zu haben. Trotzdem: Wer will mir was mit welchem Interesse sagen? Und dann ist da das, was Mausfeld „Identifikationskompetenz“ nennt. Die Intellektuellen der Macht schon an ihrem „staatlich anerkannten Diffamierungsvokabular“ erkennen. Verschwörungstheorie. Querfront. Und Antisemit als „nukleare Option“ – ein Punkt, den er in der Diskussion dann noch einmal erklären muss. Dort fordert er die Menschen im Saal dann auch auf, sich der neoliberalen Revolution entgegenzustellen. Jeder da, wo er steht, sagt Mausfeld. Damit der öffentliche Debattenraum vielleicht doch wieder größer wird.

Literaturangaben

Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp 2018.

Edward S. Herman, Noam Chomsky: Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media. New York: Pantheon 1988.

Michael Meyen: Kommunikationskontrolle und publizistische Vielfalt. Ein Beitrag zur Medienpolitik im Zeitalter von Digitalisierung und Ökonomisierung. In: Stefanie Averbeck-Lietz, Petra Klein, Michael Meyen (Hrsg.): Historische und systematische Kommunikationswissenschaft. Festschrift für Arnulf Kutsch. Bremen: edition lumiere 2009, S. 607-620.

Michael Meyen: Rainer Mausfeld und John Dewey. Eine Vortragskritik. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2017.

Michael Meyen: Fake Debate: Wem „Fake News“ wirklich helfen. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2018.

Günther Rager, Bernd Weber: Publizistische Vielfalt zwischen Markt und Politik. Eine Einführung. In: Günther Rager, Bernd Weber (Hrsg.): Publizistische Vielfalt zwischen Markt und Politik. Mehr Medien – mehr Inhalte? Düsseldorf et al: Econ 1992, S. 7-26.

Paul Schreyer: Verschwörungstheorien: Alles ist, wie es scheint. In: Paul Schreyer 2018 (6. Juni 2018).

Empfohlene Zitierweise
Michael Meyen: Rainer Mausfeld und der öffentliche Debattenraum. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2018. https://medienblog.hypotheses.org/1510 (Datum des Zugriffs)

 Quelle: Michael Meyen · 06/06/2018

Den Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld kann man sich hier anschauen.

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